Eine Weihnachts-Kurzgeschichte

Eine Weihnachts-Kurzgeschichte

Was Weihnachten heißt

 

 

Dear you,

heute habe ich eine selbstverfasste Kurzgeschichte für dich. Hol dir einen heißen Tee und eine warme Kuscheldecke und zünde die zweite Kerzen auf deinem Adventskranz an. Viel Spaß beim Lesen.

 

 

Als der Mann aufwachte war es dunkel um ihn herum. Er saß in einer Kirchenbank, ganz hinten in der dunkelsten Ecke. Sonst war niemand dort. Immerhin war es warm. Zunächst war er noch etwas verwirrt, der Schlaf hielt ihn noch halb gefangen. Es war der heilige Morgen des 25. Dezembers und er war ganz alleine. Als er beschlossen hatte in die Kirche zu gehen, war gerade die Mitternachtsmesse fast vorbei gewesen. Die Menschen sahen festlich gekleidet aus und es war nicht mehr ganz so voll gewesen wie in den Gottesdiensten zuvor. Die Familien mit Kindern gingen normalerweise um 17 Uhr in die Kirche, manche auch schon um 13 Uhr, um noch einen Sitzplatz ab zu bekommen. Er hatte all das gar nicht bedacht, hatte nur keine Lust mehr gehabt das Fernsehprogramm laufen zu lassen, während er die Leere in sich spürte und draußen in der Dunkelheit die Schneeflöckchen gegen sein Fenster prasselten.

 

Als die Messe vorbei gewesen war, blieb er einfach sitzen. Um ihn herum leerten sich die Reihen der Kirchenbänke langsam und irgendwann hatten auch die Alten ihre Gespräche mit dem Pfarrer beendet. Dann gingen bis auf ein paar Windlichter und die Beleuchtung der prachtvollen Christbäume alle Lichter aus. Er hatte sich geborgen gefühlt und sich traurig in seinen Mantel gekuschelt. Dann musste er wohl eingeschlafen sein. Er blickte auf seine Uhr. Es war kurz nach ein Uhr Morgens. Diese Armbanduhr hatte er in seinem früheren Leben von seiner Frau und seiner Tochter geschenkt bekommen. Es war ein altes Erbstück. Eigentlich hätte er ihr die Uhr nach der Trennung zurück geben sollen, das fiel ihm jetzt auf. Er musste an die freudestrahlenden Augen seines kleinen Mädchens denken, als sie ihm stolz und feierlich das kleine Schächtelchen überreicht hatte. Auch die Augen seiner Frau hatten gestrahlt. Jetzt war alles kaputt.

 

Er bewegte sich etwas und hörte ein leises Rascheln in seiner Jackentasche. Er griff hinein und zog den Liederzettel des vergangenen Gottesdienstes heraus. Die Seiten waren sehr liebevoll gestaltet und es tat dem Mann Leid, dass er nun etwas zerknickt war. Das gelbliche Papier fühlte sich gut an, er strich es auf seinen Knien glatt und betrachtete einen kleinen Spruch, der am Rand aufgedruckt war.

 

Weihnachten heißt:
Die Tränen zu trocknen;
das, was du hast,
mit den anderen zu teilen.

 

Verwundert sah er auf. Der Spruch passte sosehr in seine eigene Gefühlswelt, dass es ihm vorkam als hätte ihn jemand nur für ihn verfasst. In ihm arbeitete sich ein Gedanke heraus. Schnell stand er auf und verließ seinen Platz in der Kirchenbank. Er verließ auch die Kirche und trat nach draußen, auf die vor wochenlanger Nässe glänzende Straße. Dabei bemerkte er nicht, dass ihm eine lächelnde Gestalt aus der Kirche hinterher blickte und langsam die Tore wieder schloss. Schnellen Schrittes ging er die Straßen entlang, er wusste nun ganz genau wo er hingehen musste. Als er die Stadtmitte hinter sich gelassen hatte, wurde das Gehen beschwerlicher. Der Schnee wurde hier nicht so sorgfältig geräumt und die Beleuchtung der Straße wurde blasser. Trotzdem ging er immer weiter.

 

Als der Schnee begann seine Stiefel zu durchnässen, war er angekommen. Er fühlte sich etwas aufgeregt und fror, aber die traurige Leere war zum ersten Mal seit die Vorweihnachtszeit begonnen hatte verflogen. Er öffnete außer Atem die kalte Pforte des Friedhofes. Viel zu selten war er hier gewesen, weil er es nicht ausgehalten hätte. Verdrängen fühlte sich manchmal leichter an. Deshalb fand er sich in der kaum ausreichenden Belichtung eines Strahlers mit Bewegungsmelder nicht gleich zurecht. Dann blieb er mit etwas Abstand vor dem Grab seiner Tochter stehen. Der Schmerz bohrte sich überraschend und ehrlich durch die Mauer, die er seit ihrem Tod sorgfältig errichtet hatte. Er ging in die Knie und weinte. Und fühlte dabei so vieles. Reue, dafür sie alleine gelassen zu haben. Schmerz über ihren Tod. Erleichterung dies alles endlich zuzulassen. Als der Bewegungsmelder aus ging, bemerkte er, dass die meisten anderen Gräber mit Grablichtern geschmückt waren. Das seiner Tochter war dunkel. Er wünschte, er hätte ein Licht für sie dabei gehabt. Unbeholfen fing er im Dunkeln an den Schnee vom Grabstein zu wischen.

 

Auf einmal hörte er ein leises Geräusch hinter sich. Unsicher, ob er es sich eingebildet hatte, drehte er sich um. Dort stand eine kleine Frau hinter ihm, die er nicht kannte. Die Frau kam auf ihn zu und hielt in den Händen zwei Gläser mit leuchtenden Kerzen darin. Sie hielt ihm das eine Glas hin und er nahm es zögernd an. Sie blickte ihn mit warmen Augen an. Stumm drehte er sich um und platzierte das Glas sorgsam neben dem Grabstein seiner Tochter. Leise hörte er die Frau sagen: “Ich habe meinen Mann hier besucht”. Sie hatte sich dem Grab gegenüber dem seiner Tochter zugewandt. Dort standen weitere Kerzen. Auf dem Grabstein konnte er der Spruch entziffern, den er selbst vorhin in der Kirche auf seinem Liederzettel gelesen hatte. Darunter das Todesdatum. “Er ist an Weihnachten vor einem Jahr von dieser Erde gegangen”, sagte sie. Er hob seinen Blick und sah der Fremden in die Augen. Sie strahlte eine beeindruckende Stärke und Ruhe aus. Wieder füllten sich seine Augen mit Tränen, denn er musste daran denken, dass er für seine Tochter nicht da gewesen war, als sie diese Erde verlassen hatte und nachdem. Plötzlich fühlte er, dass die Frau ihn umarmte. Sie war viel kleiner als er, trotzdem fühlte er sich zurück in seine Kindheit versetzt. Er fühlte sich jetzt geborgen und ließ es zu den Schmerz zu spüren. Diese fremde Frau hatte ihm Gott geschickt. Gott konnte ihm verzeihen. Dann durfte er es auch. Er spürte, dass Gott seine Tochter bei sich aufgenommen hatte und ihm  die Kraft gegen konnte weiter zu leben.

Genau ein Jahr später trafen die Frau, die nun keine Fremde mehr war, und der Mann, der nun kein trauriger mehr war, sich auf dem Friedhof. Sie teilten ihr neues Leben miteinander. Das Grab der Tochter war nun gepflegt und liebevoll geschmückt. Es war hell erleuchtet von unzähligen Kerzen. Die Tränen waren getrocknet. Es roch nach harzigen Tannenzweigen. Die Liebe war bei ihnen, nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr über. 

 

Love, Julia 

 

 

Wer ist Julia?: https://postvonjulia.de/ueber-mich

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