Meine Erfahrungen mit Mobbing

Mobbing betrifft viele, trotzdem redet kaum jemand darüber.

Das möchte ich ändern. Ich schreibe offen über meine Zeit als Opfer von Mobbing.

Dear you,

heute schreibe ich über ein ernstes Thema. Es soll um Mobbing gehen. Dabei werde ich in dieser Sonntagspost auch von persönlichen Erfahrungen berichten und mich dadurch verwundbar machen. Ich vertraue darauf, dass du damit respektvoll umgehen kannst. Und, dass ich selbst stark genug bin es zu verarbeiten, sollte es nicht so sein. Ich schreibe über Mobbing und Tabus generell, weil ich glaube, dass es der einzige Weg ist, wie Themen ihr gesellschaftliches Tabu verlieren können. Nur wenn man offen über Probleme redet, und möglichst viele Individuen ihre Perspektive teilen, können auch langfristig Lösungen gefunden werden.

Mobbing in der Schule

Ich selbst habe also, so wie ziemlich viele Menschen, bereits Erfahrungen mit Mobbing gemacht. In der Grundschule war ich ganz normal in die Klassengemeinschaft integriert. Ich erinnere mich daran, dass ich andere Kinder, die ausgegrenzt wurden, verteidigt habe, wenn ich Ungerechtigkeiten mitbekam. Damals wie heute hatte ich ein ziemlich starkes Gefühl für Recht und Unrecht. Und ich war so selbstbewusst, dass ich dieses Gefühl vor anderen Kindern, sogar vor meinen Freunden und Freundinnen, vertreten konnte.

Ungefähr von der fünften bis zur siebten Klasse habe ich die andere Seite am eigenen Leib erlebt. Ich wurde gemobbt. Das bedeutet in meinem Fall, ich wurde systematisch fertig gemacht. Mit Beleidigungen, mit Ausgrenzung, mit Gemeinheiten. Zwar hatte ich einen kleinen Kreis von Freundinnen, die die ganze Zeit über zu mir gehalten haben, aber abgesehen davon war mein Ruf an der gesamten Schule im Keller. Viele frühere „Freundinnen und Freunde“ haben sich auch gegen mich gewendet. Es gab ganz klassisch einen Anführer und viele weitere Helfer und Helferinnen, die mitgemacht haben.

Traurigerweise haben auch die Lehrkräfte keine Hilfe geboten. Ich war alleine mit der Situation. Auch deshalb, weil meine Methode mit dem seelischem Stress umzugehen, Verdrängung war. Ich habe mir selbst nicht eingestehen können, gemobbt zu werden. Es war mir peinlich Opfer zu sein.

Die Zeit danach

In der achten Klasse wechselten die Lehrer und Lehrerinnen, das Klassenzimmer, neue Schüler und Schülerinnen kamen dazu und andere gingen. Dies bedeutete einen Neustart für mich. Mein Freundeskreis erweiterte sich und irgendwie hatten die, die seit der fünften Klasse Mitläufer waren, wohl beschlossen mich wieder zu integrieren. Genauso plötzlich wie es begonnen hatte, hörte es wieder auf. Ohne dass ich irgendwie einen Einfluss darauf genommen hätte.

Ich würde auf jeden Fall sagen, dass mich diese Zeit geprägt hat – bis heute. Ich trete gegenüber neuen Menschen, besonders wenn ich alleine bin, meist ziemlich selbstbewusst, bisweilen kühl und distanziert auf. Das ist eine Schutz-Fassade. Und Freundschaften zu schließen fällt mir sehr schwer, genau so wie Schwächen und Fehler zuzugeben.

Meine Psyche wurde durch die Mobbing Erfahrungen auf jeden Fall geprägt. Und aus meiner derzeitigen Perspektive würde ich sagen, nicht unbedingt auf positive Weise. Es heißt ja immer: „What doesn´t kill you makes you stronger“. Diese Weisheit kann ich für mich nicht bestätigen. Das Mobbing hat mir einen großen Teil meines Urvertrauens in andere Menschen geraubt und auch Unbeschwertheit im Umgang mit anderen. Langsam und über viele Jahre konnte ich mich von den Erfahrungen erholen, mich selbst reflektieren und beginnen Verhaltensweisen und Denkmuster, die in dieser Zeit entstanden sind, abzubauen. Ganz wird mir das wohl nie gelingen. Wir sind nun mal alle geprägt durch unsere Vergangenheit – im Positiven wie Negativen.

Hintergründe

Menschen sind soziale Wesen. Sie brauchen Anerkennung, Liebe und das Gefühl dazu zu gehören. Der Entzug dessen, oder sogar das Gegenteil, hat langjährige Folgen und kann Kinder wie Erwachsene zutiefst verstören und sogar in den Selbstmord treiben. Ich möchte dich ganz persönlich dazu aufrufen, dich gegen Mobbing zu positionieren. Nicht weg zu gucken. Für systematisches Fertigmachen gibt es keine Rechtfertigungen. Auch nicht dafür, sich selbst über den anderen zu stellen, sich boshaft lustig zu machen, Gefühle des anderen bewusst zu verletzen. Der Sinn davon ist eigentlich immer der gleiche: Die Mobbenden fühlen sich durch den gemeinsamen Gegner oder die gemeinsame Gegnerin in ihrer Gruppe bestärkt. Sie fühlen sich überlegen. Sie können Macht ausüben, die sie auf andere Weise nicht erlangen würden. Deshalb kommt es leider auch immer wieder vor, das Opfer selbst zu Tätern und Täterinnen werden.

Von Mobbing sind viele betroffen. Den Opfern möchte ich sagen: Sei laut. Zeig die Schuld auf, die sich die Täter aufbinden. Es ist nicht dein Fehler gemobbt zu werden, sondern ihrer. Und sie lügen, wenn sie dir Anschuldigungen an den Kopf werfen, deren einziger Nutzen es ist, deine Seele zu verletzen. Schenke dem keinen Glauben, sondern glaube an dich selbst. Schreib mir, wenn du Lust dazu hast. Ob als Opfer, Täter oder Mitläufer ist egal.

Anlaufstellen: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/wer-hilft-bei-mobbing–1577110

Love, Julia

WEITERLESEN

Mein Körper gehört mir: https://postvonjulia.de/schamhaare-laenger-als-haare-auf-dem-kopf

Inspirationen per Video: https://postvonjulia.de/4-interviews-auf-youtube

Neue Welten entdecken von zuhause aus: https://postvonjulia.de/hoerbuecher-in-der-quarantaene

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.