Tag 3 & 4 des Radtour-Tagebuchs

Über Bescheidenheit, laue Sommernächte und schlechte Schotterwege

Dear you,

heute geht es weiter mit meinem Radtour-Bericht, in dem ich dir von meiner spannenden Zeit auf dem Sattel erzähle. Wenn du den ersten Teil noch nicht gelesen hast, solltest du das vorher machen. Dort erfährst du wie alles zu Stande kam und wie die ersten Tage verlaufen sind. Ansonsten geht´s jetzt weiter mit den nächsten Tagen. Ach und noch was: Mach beim lesen die Musik an  😉 Viel Spaß!

Donnerstag, 23. Mai

Als wir uns heute morgen nach einer erholsamen Nacht in dem kleinen Hotel in Hiltrup auf die Sättel schwingen, wissen wir noch nicht was uns bevor steht. Es soll der erste Tag sein, an dem wir an den Wassern des Dortmund-Ems Kanals entlang fahren. Das Wetter hat begonnen sich wieder von seiner sonnigen Seite zu zeigen, allerdings ist es ziemlich windig.

Motiviert starten wir an diesem Morgen, doch ziemlich schnell stellt sich Ernüchterung ein. Wer noch nie am Kanal entlang gefahren ist, dem sei an dieser Stelle gesagt, dass man mit den Wegen ziemlich Pech haben kann. Das hatten wir definitiv, der Weg bestand aus dickem Schotter und Steinen. Ich mit meinem Mountainbike und dem Rucksack anstelle von Fahrradtaschen hatte da noch Glück! Doch tapfer quälen wir uns weiter, immer weiter. Nach ungefähr 10 km (!) halten wir plötzlich an. Unser „Frontmann“ mit dem Fahrradnavi hat eine ausgesprochen schlechte Nachricht. Wir sind in die falsche Richtung gefahren. Als wir gestartet sind, hätten wir dem Kanal in die andere Richtung folgen müssen.

Na toll. Das ist schon ein frustrierendes Gefühl, zumal sich der Weg durch seinen Zustand locker wie die doppelte Distanz angefühlt hat. Aber was bleibt uns anderes übrig? Nicht zu viel nachdenken, einfach den ganzen Weg wieder zurück fahren, diesmal mit Gegenwind. Nach einer gefühlten Ewigkeit fangen wir wieder bei Null an. Zum Glück habe ich mir für die Tour eine Playlist auf meinem Smartphone zusammengestellt. Meine Musik motiviert mich immer sehr beim Fahrrad fahren.

Endlich auf dem richtigen Pfad, kommen wir auf unserer Radtour durch das Hafengebiet von Münster, Ladbergen, Hörstel und Recke. Wir sind überrascht, wie heiß es trotz des heftige Windes direkt am Wasser in der prallen Sonne wird. Das Kanalwasser hat ein grünliches Türkis, das mich an Urlaub erinnert. Und es gibt erstaunlich viele Brücken. Leider muss man sich so sehr auf den furchtbaren Schotterweg konzentrieren, dass man von der Umgebung nicht viel mitbekommt. Und noch ein Problem schleicht sich bei mir ein – meine Pollenallergie. Als wir am Abend relativ spät und alle ziemlich fertig in Bramsche ankommen, wollen wir alle nur noch duschen, essen und ins Bett fallen. Eben den „Feierabend“ zelebrieren. Doch leider hat sich das unser Schicksal etwas anders überlegt.

Für diesen Abend hatten wir uns gedacht, reservieren wir mal keinen Schlafplatz, sondern schauen einfach, was uns auf dem Weg so entgegen kommt. Irgendein schönes Bed&Bike, Hostel oder Heuhotel findet man ja immer … falsch gedacht. Es ist wie verhext. Von dem Augenblick an, wo wir beginnen uns umzugucken, verschwinden die Hinweisschilder und Angebote, die bis dahin immer mal wieder unseren Weg gesäumt haben wie vom Erdboden. Nichts vor Bramsche, nichts in Bramsche, obwohl  eine „Hotelroute“ eigentlich ausgeschildert ist. Doch die Hotels sind zu, voll belegt, oder nicht auffindbar. Die Zeit verstreicht, während wir durch Bramsche irren ohne etwas zu finden. Um uns herum legt sich die Abenddämmerung nieder und es fängt an kalt zu werden. Gegen 20 Uhr geben wir es auf, nachdem auch die letzte Hoffnung, ein 4 **** Hotel, voll belegt ist. Was bleibt uns anderes übrig? Wir müssen weiter, aus Bramsche raus und was anderes finden.

Auf Google Maps sehen wir eine Jugendherberge in Rieste am Alfsee. Wir rufen an und es gibt tatsächlich noch freie Betten. Doch du kannst dir nicht vorstellen, wie demotiviert man nach 110 Kilometern Fahrrad fahren ist, noch diese 10 Kilometer weiter ins nächste Dorf zu fahren, nachdem man innerlich eigentlich schon für heute abgeschaltet hatte. Gegen 21 Uhr können wir dann endlich unsere Betten beziehen. Logischerweise haben auch die meisten Restaurants schon dicht gemacht, so dass meine Kumpanen auf der Suche nach etwas Essbarem nochmals ihre Drahtesel bemühen müssen.

Da die Aussicht etwas veganes zu finden sehr gering und meine Laune durch Hunger und Müdigkeit auch absolut auf dem Tiefpunkt angekommen ist, entschließe ich mich meine mitgebrachten Vorräte alleine in unserem Zimmer zu essen und danach tot ins Bett zu fallen, was ich in diesem Moment unglaublich genieße. Im nachhinein muss ich echt sagen, der Donnerstag war mein Down-Tag. Jeder Kilometer war eine Herausforderung und ich habe mich innerlich von Pause zu Pause gequält.

 

Freitag, 24. Mai

Krass, der gestrige Tag der Radtour war echt hardcore. Doch heute morgen merke ich gleich – ich bin übern Berg. Meine Laune hat sich sehr gebessert. Auch das Radfahren macht mir wieder Spaß und ist keine Quälerei mehr, auch wenn der Hintern brennt, der Rücken zwickt und die Pollen fliegen.

Heute geht es also weiter am Mittellandkanal. Doch aus Schaden klug geworden, fahren wir selten direkt am Wasser, sodass wir normale Radwege in ordentlicher Qualität haben. Und wir sind einigermaßen überrascht, wie schön diese Gegend ist. Es gibt sehr viele große Bauernhöfe und Fachwerkhäuser mit massiven Steinmauern darum. Bad Essen ist eine wunderschönes kleines Städtchen, in dem wir kurz Pause machen. Viele niedliche Cafés und verwinkelte Gassen … leider sind wir nur auf der Durchreise. Wir lassen es nach den letzten Tagen heute etwas langsamer angehen, denn wir liegen gut in der Zeit. Unser Weg führt uns durch Lübbecke und Hille, Richtung Minden.

 

 

Schließlich landen wir, heute zum Glück rechtzeitig, in Petershagen, direkt an der Weser. Dort finden mein Papa und ich Unterschlupf in der Jugendherberge und die anderen beiden schlafen, mangels Platz, in einer Bed&Bike Unterkunft, in der wir alle auch Abendessen bekommen. Ich werde mich bestimmt noch lange an diese laue Sommernacht erinnern, in der wir vier einfach im Dunkeln am Wasser sitzen, Musik hören, reden und nichts weiter brauchen als das was da ist. Während so einer Radtour lernt man Bescheidenheit und Dankbarkeit. Als Gegenleistung für den materiellen Verzicht, bekommt man schier unendliche Freiheit und Autorität, wenn auch nur für die Dauer der Tour. Man nimmt was man kriegt und ist glücklich damit. Und vor allem hat man die Zeit dieses Glück im vollen Umfang zu spüren.

 

 

Es freut mich, wenn ich dich mit auf unsere Radtour nehmen konnte und hoffe du hattest Spaß beim lesen. Ein letzter Teil fehlt jetzt noch, in dem ich dir erzählen werde, was in den letzten beiden Tagen noch spannendes und schönes passiert ist. Bis dahin, hinterlasse mir doch dein Feedback in den Kommentaren!

Love, Julia

 

Hier ist der erste Teil des Radtour-Tagebuchs: https://postvonjulia.de/log-in-500-km-in-6-tagen

Warum ich vegan lebe: https://postvonjulia.de/gruende-fuer-den-veganismus

Für Erholung muss man nicht unbedingt die Ferne suchen: https://postvonjulia.de/urlaub-ohne-fliegen

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